Im Altersheim in Hermannstadt

Die alten Großpoldner, die es  körperlich nicht mehr schaffen, ihren Hof zu bewirtschaften, finden Aufnahme in einem modernen Altenheim in Hermannstadt, einer deutschen  Stiftung,  der so genannten  Dr. Wolff-Stiftung. In diesem schönen Heim sprach ich oft mit meinen alten Freunden Herrn und Frau Piringer, früheren Kleinbauern in Grosspold. Manchmal spielte ich mit Herrn Piringer Schach. Aus Freundschaft schenkte er mir seine silberne Taschenuhr, über die ich einem anderen Kapitel erzählen werde. Oft saß ich im Garten der Piringers, Frau Piringer kredenzte mir guten selbst gebackenen Kuchen  und ich trank mit Herrn Piringer ein Glas Wein. Sie sind kurz hintereinander gestorben. Ich halte ihr Andenken hoch.

Als ich mit den Piringers einmal im Garten des Altersheimes saß, kam ich auch mit einem Sachsen in Kontakt,  dem man einen natürlichen Adel in Haltung und Sprache anmerkte.  Auch er sprach sinngemäß   vom Verrat der Ausgewanderten,  die eine  alte deutsche  Bauernkultur  im  Stich gelassen hatten. Aber er versucht,  sie zu verstehen, denn es ist schwer geworden für  die  Deutschen hier in Siebenbürgen, sie fühlen sich alleine gelassen.  Dennoch meint er über die ausgewanderten jungen Deutschen : „Das  Verhalten  der Jungen steht im  Widerspruch  zu  unseren  alten Liedern,  in denen wir uns mit Stolz zu unserer Heimat hier  in Siebenbürgen bekannt haben." Darauf sang er mir ein Lied  vor, in dem  auf  die  alte  freie bäuerliche  Tradition  der   Sachsen  hingewiesen  wird:

"Ich  bin  ein  Sachs,  ich  sags  mit  Stolz,  vom  alten  edlen Sachsenstamm! Wo gibts ein adliger(!) Geschlecht, da keiner Herr und keiner Knecht ?

……

Ich  bin  ein  Sachs,   ich  sags  mit  Stolz,  vom  alten  edlen Sachsenstamm! Wir harren aus in böser Zeit, nicht ewig währt der harte Streit; wir sind getrost, Gott steht uns bei! Mein Sachsenvolk, dir bleib ich treu."

Dieses Lied verweist auf eine alte freie Bauernkultur in Siebenbürgen , zu der wesentlich, wie ich oben ausgeführt habe, das Prinzip der Nachbarschaft gehörte.

Die alte deutsche Bauernkultur in Siebenbürgen hat den Kommunismus überstanden, aber der Abwanderung der Jungen und dem Ansturm der EU kann sie nichts entgegenhalten.

Es war eine schöne Welt der Kleinbauern, die in einer modernen Welt keinen Platz mehr hat, die ich noch erleben durfte. Diese alte Bauernkultur in Rumänien ist am Untergehen. Es schaut so aus, als ob mit dem angeblichen Segen der EU nun doch das vollendet wird, was Nicolae Ceausescu wollte, nämlich die Abschaffung des Kleinbauern in Rumänien unter dem Banner des Fortschritts.

Die bäuerliche Kultur der  Landler und Sachsen mit ihren Nachbarschaften und ihren alten Symbolen und Bräuchen ist verschwunden.  An das Leben in Großpold erinnert mich noch die alte Taschenuhr, die mir Herr Piringer geschenkt hat und die einen Ehrenplatz in meiner Vitrine hat. 

Literatur:

Roland Girtler, Verbannt und vergessen. Eine untergehende deutschsprachige Kultur   

         in Rumänien, Linz 1992  (Wiederaufgelegt unter dem Titel:  Die Landler in       

         Rumänien, 2014 -.Lit-Verlag)

Roland Girtler (Hg. mit Studentinnen und Studenten), Die Letzten der Verbannten.      

         Wien 1997

Roland Girtler, Echte Bauern, vom Zauber einer alten Kultur, Wien 2002

Roland  Girtler (Hg. mit Studentinnen und Studenten)  Das letzte Lied von Hermannstadt – Das Verklingen einer deutschen Bauernkultur, Wien 2008