12 - Als "Urvater" der Gesellenherberge - Handwerksburschen von Wien nach Hermannstadt

Die Gesellenherberge in Hermannstadt vor der Renovierung um 2000 (Der Mann mit Strohhut ist Roland Girtler)

Die Idee zu der Gesellenherberge in Hermannstadt stammt von einem Handwerksburschen, der in Wien Station machte

Die Gesellenherberge unweit der deutschen Kirche in Hermannstadt hat eine interessante Geschichte, die mit  unserer Feldforschung zu tun hat. Im Jahre 2002 im Frühjahr lernte ich in Wien drei Handwerksburschen aus Deutschland kennen: einen Maurergesellen, einen Zimmermanngesellen und einen Schlossergesellen. Ihre Namen sind Emmanuel Helmut, Jörg Schumann und Allyn Eidsness, den man Gacel ruft. Gacel war bereits über zwei Jahre unterwegs, sogar nach Mexiko und Argentinien war er gekommen. Nach Wien waren sie auf einem alten ungarischen Sportboot gelangt und hatten für zwei Monate Arbeit im Technischen Museum gefunden. Nun wollten sie weiter ziehen. Die Reisezeit der Handwerksburschen ist nach alter Überlieferung für gewöhnlich drei Jahre und ein Tag.  

Die drei hatten von mir gehört und auch von meinen Feldforschungen in Siebenbürgen, sie nahmen daher Kontakt mit mir auf.    Ich verbrachte mit ihnen einen herrlichen Abend bei Bier und schönen alten Wanderlieder in einem kleinen Gasthaus. dem "Spatzennest" , im siebten Wiener Gemeindebezirk. Schließlich riet ich ihnen, nach Hermannstadt zu reisen, dort wäre Arbeit für sie. Ein paar Monate später war ich wieder in Siebenbürgen und in Hermannstadt. Ich bestieg mit meinen  Studentinnen und Studenten den Turm der evangelischen Kirche von Hermannstadt. Während des Besteigens erzählte ich meinen Begleitern einiges über die Geschichte Hermannstadts. Plötzlich hörte ich aus einem Verschlag, in dem das Gehäuse der Kirchturmuhr sich befindet: „Ah, der Girtler ist hier“. Es war die Stimme Gacels, der gerade an der alten Uhr der Kirche arbeitete. Die Wiedersehensfreude war groß. Ich erfuhr, dass die drei Burschen von Wien aus hier her getrampt sind, einen Teil des Weges hatten sie auf einem rumänischen Donauschlepper zurückgelegt. Ich traf dann auch die beiden Kollegen Gacels.  Jörg Schumann, der Zimmermann aus der Nähe von Dresden,  war dabei,  die Holzfenster in den  vier Ecktürmchen des Kirchturms zu reparieren, und Emmanuell  Helmut, der Maurer, betätigte sich am Mauerwerk der alten Kirche.  Ich freute mich sehr, diese drei mir höchst sympathischen  Herrn hier wieder zu sehen. Ein paar Tage später besuchten sie meine Studenten und mich im Bauernhaus der Familie Pitter in Großpold. Ich zeigte den Wandergesellen die Gegend um Großpold und erzählte von der alten Bauernkultur der Landler. Es war ein schöner Nachmittag, den wir gemeinsam verbracht haben.


Während dieser Zeit in Siebenbürgen entdeckte ich zu meiner Freude in der Hermannstädter Zeitung vom 14.Juni 2002 einen Artikel der liebenswürdigen Redakteurin Beatrice Ungar. Überschrieben war dieser:  „Was Wandergesellen finden möchten  - Drei deutsche Handwerker arbeiten zur Zeit in Hermannstadt“. Auch ein Bild zeigte die drei in der typischen Wanderkleidung. Es waren jene Burschen, die ich in Wien getroffen hatte. Unter anderem konnte ich dies lesen: „Eines Tages standen drei Handwerkergesellen auf Wanderschaft in voller Montur in der Redaktion der Hermannstädter Zeitung. Auf den Rat des Soziologen Roland Girtler aus Wien waren sie hierher gekommen und fragten nach Unterkunft und Arbeit. Sie fanden beides im ersten Anlauf im Stadtpfarramt der Hermannstädter evangelischen Kirchengemeinde. Jetzt befinden sie sich schon genau zwei Wochen hier. Aber wie sind sie ausgerechnet nach Rumänien und nach Hermannstadt gekommen? In Rumänien kannten sie vom Hörensagen nur die Städte Hermannstadt und Bukarest. Bukarest kam als Großstadt nicht in Frage, also kamen sie nach Hermannstadt: zu dritt, ein Maurergeselle, ein Zimmermannsgeselle und ein Autoschlossergeselle auf Wanderschaft. …Die drei bleiben solange es ihnen hier gefällt….“.   Ich freute und fühlte mich geehrt, als ich dies las.  

In diesem Zeitungsartikel ist auch festgehalten, dass Gacel von der Einrichtung eines "Zunfthauses" und einer "Herberge für Wandergesellen" träumte. Es war also Gacel, der die Idee zu dieser Gesellenherberge hatte, die 2007 am Huet-Platz Nr. 3 gegenüber der evangelischen Kirche  in einem alten Haus, dort, wo die Stiege in Richtung Markt führt, fertig gestellt wurde. Es gibt auch einen Verein, der sich um den Erhalt dieser Herberge für reisende Handwerksgesellen kümmert.  Diese Herberge nennt sich "Haus der Handwerker" - rumänisch: "Casa Calfelor".  Dieses Haus wird auch regelmäßig, wie ich beobachten konnte, von Handwerksgesellen aufgesucht, um hier ein paar Tage zu verbringen.

 

Es stimmt mich traurig, dass in keiner Schrift (und auch in keiner Internetseite) , die sich auf die Gesellenherberge in Hermannstadt bezieht, der Handwerksbursche Gacel, den ich in Wien kennen gelernt habe und der die Idee zu dieser Herberge hatte,erwähnt wird.  Es wird so getan, als ob diese Herberge in Hermannstadt schon immer eine Herberge für Wandergesellen war.   Ich schrieb deswegen vor einiger Zeit sogar einen Brief an die zuständigen Leute dieser Herberge, jedoch ohne Erfolg. Dieser Brief sei hier  wiedergegeben. 

"Liebe Damen und Herren der Gesellenherberge Hermannstadt !

   Jedes Mal, wenn ich an der schönen Gesellenherberge in Hermannstadt bei meinen Besuchen vorbei wandere, freue ich mich über diese, sie wird immer schöner.

Mit Bedauern muss ich jedoch feststellen, dass in den diversen Broschüren u.ä., die sich auf diese Herberge beziehen, die ersten drei Gesellen, die die Idee zu dieser Herberge hatten, nicht erwähnt werden. Es sind dies die Gesellen: Emmanuel Helmut, Jörg Schumann und Allyn Eidsness vulgo Gacel. Ihrer wird nirgends gedacht.  Ohne diese liebenswürdigen Herren, die ich in Wien kennen gelernt habe, gäbe es die Hermannstädter Herberge nicht.

Ich habe mit diesen Herren im Frühjahr des Jahres 2002 im Gasthaus „Spatzennest“ im Wiener  7. Bezirk, wo ich wohne, gezecht und gesungen. Dabei habe ich ihnen den Rat gegeben, nach Hermannstadt zu fahren und dort nach Arbeit zu fragen.

Diese Geschichte ist doch freundlich und erwähnenswert.

Die liebenswürdige Frau Beatrice Ungar von der Hermannstädter Zeitung schrieb damals einen schönen Bericht über das Erscheinen dieser drei Herren in Hermannstadt. In diesem Bericht lesen Sie, dass es vor allem Allyn Eidsness, der sich Gacel nannte, es war, der von einer Wanderherberge in Hermannstadt träumte. Sein Traum ist Wirklichkeit geworden, aber er und seine Wanderbrüder gerieten in Vergessenheit. . Ich lege diesen Bericht bei.

  Es ist an der Zeit, dass man diese Herren würdigt.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn in diversen Schriften diese Herren genannt werden und die Geschichte ihres Auftauchens in Hermannstadt samt Gasthausbesuch in Wien wiedergegeben wird – vielleicht sollte man für sie sogar eine Gedenktafel an der Wanderherberge anbringen.

 Ich hielt übrigens vor ein paar Jahren einen Vortrag vor Wandergesellen auf deren Einladung hin in der Nähe von Hannover über das Rotwelsch, die Sprache des fahrenden Volkes (ich schrieb darüber ein ganzes Buch).

                         Ich grüße Sie herzlich

                                         Ihr

                                  Roland Girtler

  Vagabundierender Kulturwissenschafter und Professor an der Universität Wien"

Man ignorierte den Brief. Über eine Antwort hätte ich mich gefreut.

Einige Zeit nach unserem Treffen in Wien schrieb mir einer der drei Handwerksgeselle, es war dies Emmanuell, er würde mich zu einem Fest, mit dem er das Ende seiner Wanderschaft feiern würde, einladen. Leider konnte ich nicht an diesem Fest teilnehmen. Seitdem habe ich nichts mehr von den dreien gehört. Ich hoffe, der Lebensweg dieser freundlichen Handwerksgesellen verläuft weiterhin in ihrem Sinne. Ich wünsche Ihnen das Beste.

Diese drei Burschen haben mit ihrem Auftauchen in Hermannstadt eine schöne Tradition eingesetzt. Seit damals wandern regelmäßig deutsche Handwerksgesellen und Handwerksgesellinnen  hierher nach Hermannstadt. Durch Mundpropaganda und Internet erfahren sie, welche Arbeiten in Hermannstadt auf sie warten und wo die Gesellenherberge  in dieser Stadt sich befindet. Vor ein paar Jahren, als ich wiederum an der Herberge vorbei spazierte. wurde ich von freundlichen Gesellinnen und freundlichen Gesellen herzlich begrüßt. . Einer der Gesellen zeigte mir sogar den erwähnten Zeitungsartikel von Beatrice Ungar, den man hier in Ehren aufbewahrt.  Als ich wieder in Wien war, erhielt ich eine Email des Wandergesellen Stefan Walter, in dem er mich den „Urvater der Herberge“ – ein Titel, die mich sehr auszeichnet - nannte und mich zu der Eröffnung einer Ausstellung über „Wandergesellen“ in Hermannstadt einlud. Er bat mich auch, im Rahmen dieser Ausstellung eine kleine Rede zu halten. Ich fühlte mich durch diesen Brief geehrt, jedoch konnte ich die Einladung nicht annehmen, da ich zu dieser Zeit in Wien und in der Steiermark als Vortragender zu tun hatte.  Jedenfalls freue ich mich, dass durch die drei Wandergesellen, die auf meinen bescheidenen Rat hin nach Hermannstadt reisten, eine neues interessantes Kapitel der Wanderburschen begann. 

 Die drei Handwerksgesellen am Hof der Pitters in Großpold 2003


Erfreut hat mich folgender Artikel von Tobias Schmidt, der in der Hermannstädter Zeitung vom 22. Juli 2011 erschienen ist. In diesem wird spannend gezeigt, welche Bedeutung die Handwerksgesellen und Handwerksgesellinnen in Hermannstadt bereits erlangt haben. Ich danke ihm sehr für den freundlichen Hinweis auf die Bekanntschaft, die ich mit mit den oben erwähnten und hier abgebildeten 3 freundlichen Handwerksgesellen in Wien gemacht habe. Sie steht am Beginn der Geschichte der Handwerksgesellen in Hermannstadt. 



Offensichtlich nach dem Vorbild des Wiener "Stock-im-Eisen", einem Nagelbaum am Stephansplatz in Wien aus dem Jahre 1533,  hat man vor der Gesellenherberge in Hermannstadt einen Holzstamm aufgestellt, in den durchreisende Handwerksgesellinnen und Handwerksgesellen einen Nagel einschlagen können, um sich zu verewigen.  Dieser Brauch ist in Wien  seit dem 18. Jahrhundert bekannt.   Ursprünglich dürfte das Benageln solcher Bäume den Sinn gehabt haben, um vor Krankheiten geschützt zu sein oder sich für die Heilung von Krankheiten zu bedanken.    Wahrscheinlich  jedoch ist,   dass Nägel in solche Nagelbäume eingeschlagen wurden, damit der Wunsch, wieder hierher zu kommen, in Erfüllung gehen möge.  
  Da meine Reisegefährten und ich als Feldforscher in gewisser Weise wandernden Gesellen ähneln, schlugen auch wir je einen Nagel in den schönen Nagelbaum, er stammt aus dem Jahre 2004,  vor der Gesellenherberge. Ich hoffe, die freundlichen Handwerksgesellen - auch sie sind so etwas wie Feldforscher - haben nichts dagegen, dass unsere Nägel sich neben den ihren befinden. 


Der vagabundierende Kulturwissenschafter Roland Girtler vor der Gesellenherberge, deren Urvater er ist,  um 2010

Bilder von der Renovierung der Gesellenherberge im Jahre 2003: