Totengräber und Kuhhirte in Großpold - das Aussterben einer alten Bauernkultur

Roland Girtler

 

 

Als Kuhtreiber und Totengräber in Großpold - zum Aussterben einer deutschen bzw.  österreichischen Bauernkultur in Siebenbürgen

 

Inhalt:

Prolog :  Forschung bei landlerischen Kleinbauern in Großpold

Gedanken zur bäuerlichen Selbständigkeit im Dorf, der Garten

 Der Umgang mit den Kühen

 Die Kuh wurde zum Stier gebracht

 Das Verschwinden der Nachbarschaften

Särge und Begräbnis

Als Totengräber beim Begräbnis des Sam Roth

Der Wandel einer alten Kultur - die Auswanderung

Im Altersheim in Hermannstadt – die Taschenuhr des Herrn Piringer

Literatur

 

Prolog :  Forschung bei landlerischen Kleinbauern in Großpold

 

Seit 1992 halte ich mich bis heute regelmäßig meist während des Monates Juni jeweils für zwei bis drei Wochen in dem siebenbürgischen Dorf Großpold, das auf Rumänisch Apoldu de Sus heißt, nicht weit von Hermannstadt auf, um den Wandel der Dorfkultur der Landler und Sachsen, die sich beide von ihrer Geschichte her als Deutsche bezeichnen, zu studieren. Ich habe das große Glück, bei Andreas und Anneliese Pitter, denen ich sehr viel verdanke, in einem netten, zum Hof schauenden Fenster logieren zu dürfen.   In meinen Ausführungen werde ich, wie der Titel andeutet, zeigen, wie man in Großpold früher mit den Kühen umgegangen ist, man brachte sie noch zum Stier,  und wie die Toten bestattet wurden. Ich selbst betätigte mich einmal als Totengräber.

Großpold liegt in der Nähe von Hermannstadt, rumänisch Sibiu. In diesem Dorf lebten unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989 noch fast 2000 Deutsche, ungefähr 400 Rumänen und 1000 Roma. Nach 1990 wanderten immer mehr Deutsche aus. Im Jahre 2009,  bei unserem letzten Besuch, dürften es nur mehr 50 Deutsche gewesen sein, die in Dorfgemeinschaft mit 500 Rumänen und 2000 Romas leben.

Ich habe Großpold mit seinen Landlern und Sachsen schätzen gelernt.  Ich saß oft mit ihnen beim so genannten „Holzfleisch“ beisammen und sang mit ihnen alte Volkslieder, die bei uns nur mehr gesungen werden. Auch meine Studentinnen und Studenten taten da mit. Besonders angetan hatten es uns das „Goßpoldner Lied“ und das Lied „Siebenbürgen, teure Heimat“. Das Singen brachte die Menschen hier einander näher. In den letzten Jahren jedoch wird kaum mehr gesungen, es fehlt an den Menschen, die die alten Lieder bewahren. Meine erste faszinierende Erkenntnis war, dass sich hier im Dorf, wie in anderen rumänischen Dörfern auch, während des Kommunismus eine spannende Kultur der Kleinbauern erhalten hat.  Ich habe in meinem ersten Buch über die Landler versucht diese Kultur und das Alltagsleben der Landler  zu beschreiben. In den mit Studentinnen und Studenten herausgebracht folgenden drei Büchern konnte gezeigt werden, wie diese alte Bauernkultur mit ihren Ritualen und Symbolen sich allmählich änderte. .  Bestimmend für diese Dorfkultur war das Prinzip der Nachbarschaft, wie ich später erzählen werde.. 

 

Gedanken zur bäuerlichen Selbständigkeit im Dorf, der Garten

Als ich einmal meine Gastgeberin Frau Pitter fragte, was denn typisch für  Bauern sei,  führte sie nicht ohne Stolz aus „Der echte Bauer hat so ziemlich alles. Er hat einen Garten mit Gemüse und Blumen, und er hat wenn er ein kleiner Bauer ist, zwei Stück Vieh für die Milch. Er hat Getreide und Grundbirn, das sind die Kartoffeln, Mais , Rüben und anderes auf dem Feld. Der Bauer kann also von dem, was er hat leben. Als Bauern brauchen wir bloß Zucker und Öl kaufen, aber sonst haben wir alles. Freilich auch um Kleidung müssen wir uns kümmern, aber sonst brauchen wir nichts“.

Die alte echte Bauernschaft hat Jahrhunderte hindurch überstanden, sie war beständig und ihre Sitten waren naturverbunden. Dieses Bewahren der Bauernkultur hatte den Bauern einen bescheidenen Wohlstand verschafft und ihnen ein Überleben gerade in der Zeit der Krise möglich gemacht. 

Typisch für die alte, Bauernkultur in Siebenbürgen war - auch bei uns war es ähnlich - , dass sie im Wesentlichen autark, selbständig, war. Die Sachen, die man zum Leben brauchte, wie Nahrung und Kleidung konnte man selbst herstellen.   Peter Rosegger beschreibt in seinem Buch „Jakob, der Letzte“ diese alte Bauernkultur, wobei er einen alten Bauern sagen lässt, dass sie, die Bauern, eigentlich alles hätten, was sie bräuchten, so würde das Leder für Schuhe am Rücken ihrer Rinder wachsen.  Zum selbständigen Leben am Bauernhof gehört auch ein guter Garten, der Sache der Bäuerin ist. Er vermag das Überleben auch in Krisenzeiten zu sichern . In diesem Sinn meinte einmal Frau Anneliese Pitter zu mir, als wir an einem sonnigen Tag auf der Bank am Hof saßen: „Wenn einer keinen Garten hat, hat er auch ka Patersüll und auch ka Merl, nichts. Den Garten braucht man einfach, das man das Nötigste für das Haus hat.  Der Garten macht Freude, weil man sieht, wie alles wachst. Das könnt ihr euch in der Stadt nicht mehr vorstellen.  Wenn man sieht, wie es herauskommt, wie es wachst, wie es blüht, wie es Frucht macht. Das ist ein Teil von unsern Leben.  Wir kennen nichts anderes, wir sind es so gewöhnt. Und wir wollen es nicht anders.  Die Buschen (Blumen) im Garten sind da, dass man sich freut  am Schönen. Wir brauchen ja alleweil Buschen. Wir brauchen am Altar Buschen und wenn wir auf den Freidhof gehen“.   Die Landler haben den Kommunismus gut als Kleinbauern überlebt. So meinte Anneliese, sie hätten während des Kommunismus von ihrem Gemüse etwas abgeben sollen, sie hätten aber nichts, oder nur wenig, an die staatlichen Stellen hergegeben.  Ähnlich verhielt es sich mit der Milch.  Statt z. B. 1000 Liter Milch, die sie im Jahr abzugeben hatten, gaben sie nur 500 Liter Milch ab, die restlichen 500 Liter waren Wasser.  Die Funktionäre behielten sich wieder etwas Milch und gaben Wasser dazu. Die Konsumenten bekamen schließlich fast nur mehr Wasser, wie man erzählt.

 

 Der Umgang mit den Kühen

Ich habe diese bäuerliche Welt als Gast der Familie Pitter auf ihrem Hof in den

letzten Jahren hautnah erlebt.

Typisch für den klassischen Bauern ist ein ausgefüllter, aber stets neuer Tagesablauf,

der nichts mit der Gleichförmigkeit moderner Bauern in Österreich, die

eigentlich keine echten Bauern mehr sind und die sich zum Beispiel auf

Milchwirtschaft spezialisiert haben,  zu tun hat.

Beide, Anneliese und Andreas sind täglich bereits um halb sechs Uhr auf den Füßen.

Andreas molk die beiden Kühe. Pro Kuh benötigt er zehn Minuten, also insgesamt

zwanzig Minuten für beide. Auch am Abend, wenn die Kühe wieder im Stall sind, molk

er sie. Es ist bemerkenswert, daß das Melken hier am Hof eine Sache des Mannes,

also von Andreas, war - im Gegensatz zu anderen und den früheren Bauernhöfen bei uns. Andreas ist es auch, der die beiden Kühe mit der Kalbin in der Früh hinaus auf den Weg treibt. Von Ende April oder Anfang Mai bis Ende Oktober waren die Kühe während des Tages auf der  Dorfweide, der Hutweide.

Der Dorfhirte übernahm die Kühe der Pitters mit den Kühen der anderen Bauern, rumänischen und deutschen, und trieb sie hinaus auf die Hutweide, wo er während des Tages sich um sie kümmerte. Am Abend so gegen 2O Uhr brachte er die Kühe

wieder in das Dorf. Die Kühe fanden selbst ihren Weg in die Höfe.

Andreas  bereitete, nachdem er die Kühe gemolken und hinaus getrieben hatte, den Trank für die Schweine.

 

Die Kuh wurde zum Stier gebracht

Es entsprach der alten Bauernkultur, dass die Kuh zu einem Stier gebracht wurde, um „tragat“ (schwanger) zu werden.  Heute kommt der Tierarzt und schwängert mit einem Röhrl, durch den er den Samen eines ausgesuchten Stieres aus einer entsprechenden Anstalt zur Gebärmutter der Kuh bringt.  Ich meine, dass dies eine üble Degradierung der Kuh ist.

In Großpold war es bis um ungefähr 2005 üblich,  dass der Bauer die Kuh zum Stier führte. Damals besuchte ich regelmäßig Herrn NIetsch, er ist leider schon verstorben.   Er war damals noch ein echter Bauer, der mit seinem Wagen und seinem Pferd täglich auf seinen Acker oder in den Weingarten fuhr. Einmal bat er mich, ihn zu begleiten. Ich begleitete ich ihn mit dem Fahrrad,  als er eine Kuh, die an dem Wagen mit einem Strick angehängt war, zu einem Stier in den Nachbarort zu einem rumänischen Bauern führte. Es ging über Wiesenwege. Ich öffnete ihm die Gattern und trieb die Kuh vom Fahrrad aus an.  Beim rumänischen Bauern angelangt, versuchte man den Stier zu animieren, die Kuh zu bespringen. Dies war nicht einfach. Aber er vollzog seine Arbeit – ich hoffte, er tat es wirkungsvoll. Dann fuhren wir wieder auf holprigen Wegen zurück zum Hof von Herrn Nietsch in Großpold.

Für mich als Forscher war diese Aktion höchst spannend und lehrreich, weil ich sah, wie wichtig die Kuh für den Bauern ist und dass der Bauer eine gute Beziehung zu diesem Tier hatte. Er hatte Respekt vor dem Tier, einen Respekt, der bei uns gerade bei der Massentierhaltung verloren gegangen ist.

Ich empfand es als traurig, als um 2010 die Kühe aus den Ställen verschwanden. Es zahlte sich nicht mehr aus, Kühe zu melken, da es für die Leute billiger geworden war, die Milch in den kleinen Geschäften, die nach dem Niedergang des Kommunismus allmählich im Dorf entstanden, in Tetrapacks zu kaufen. Diese Milch allerdings war keine siebenbürgische mehr, sondern wurde aus Griechenland, Tschechien, Polen usw. eingeführt.  Die Agrarindustrie begann damals, Siebenbürgen zu beherrschen.  In Hermannstadt öffneten bald Einkaufszentren wie Lidl oder Billa ihre Pforten.  Die deutschen Kleinbauern verschwanden allmählich. Der Pfarrer von Großpold meinte einmal bedauernd zu mir, dass es in Großpold nur mehr eine „deutsche Kuh“ geben würde. Im Jahr darauf war auch diese verschwunden.

Typisch für die alte Kleinbauernkultur der Landler, wie ich sie noch erlebt habe, war der Misthaufen vor dem Stall, auf dem der Mist, der aus Kuhfladen vermengt mit Stroh, auf dem die Kuh lag, täglich mit der Mistgabel befördert wurde. Diesen Mist, auf dem sich Hühner tummelten, empfand ich als nicht abstoßend, im Gegenteil.  Er unterschied sich wohltuend von den übel riechenden Rückständen aus modernen Ställen bei uns, in denen Kühe in großer Zahl gehalten werden.  Über die Massentierhaltung sprach ich mit Anneliese Pitter.  Sie schüttelte den Kopf und schaute mich ernst an und meinte: “Ich verstehe nicht, wie es soweit kommen konnte. Das kann doch nicht richtig sein, dass man mit dem Vieh so umgeht. Hier versündigt sich der Mensch.“ Und sie fügte hinzu: „Es ist schade, dass es bei euch in Österreich keine Bauern mehr gibt, sie sind nur mehr Geschäftsleute.“ 

Damit wollte die gute Frau sagen, dass der echte Bauer grundsätzlich nicht das Geschäft im Vordergrund seines Denkens hat, sondern eben das Wachsen und Gedeihen von Tier und Pflanze, die einem das Überleben sichern und  an denen man sich nicht versündigen darf.

 

Das Verschwinden der Nachbarschaften

Zur alten Bauernkultur in Großpold gehörte auch die alte Einrichtung der „Nachbarschaft“. In Großpold gab es einige Nachbarschaften,  die durch alte überkommene Regeln die bei einander wohnenden Menschen aneinander gebunden haben. Die Regeln hatten ihre Härten, aber  ihre  Einhaltung versprach Geborgenheit in einer Welt, in der die bäuerliche Arbeit hart und die Auseinandersetzung mit der natürlichen und der politischen Welt schwierig war. 

1998 zu Pfingsten besuchte ich mit meinen Wiener Studentinnen und Studenten den Gottesdienst in der Kirche von Großpold. Die Kirche war voll. Diesmal waren die an den Feiertagen zu Besuch gekommenen ausgewanderten Landler und Sachsen in der Kirche. In seiner Predigt wies der Pfarrer, vielleicht wollte er den Besuchern dies klar machen , auf die Bedeutung des Gemeinschaftslebens und  vor allem der Nachbarschaft hin. Ich war erstaunt und hoch geehrt, als der Pfarrer von der Kanzel noch herunter rief: „Wenn Ihr wissen wollt, wie wichtig die Nachbarschaft ist, dann lest in Girtlers Buch nach“. (Ich bitte, es nicht als üble Eitelkeit aufzufassen, wenn ich dies erwähne).

Der  Pfarrer hatte also auf das für bäuerliches Leben höchst bedeutungsvolle Prinzip der Nachbarschaft und gleichzeitig auf mein Buch "Verbannt und vergessen", in dem ich das Leben der Landler beschreibe, hingewiesen.

Ich freute mich über die Rede des Pfarrers, schließlich sah ich mich in meinem Forscherdrang gerechtfertigt.    Im  Anschluß  an den Gottesdienst bedankte ich mich bei  dem Kirchenmann.

Die Regeln der Nachbarschaft hatten ihre Härten, aber  ihre  Einhaltung versprach Geborgenheit in einer Welt, in der die bäuerliche Arbeit hart und die Auseinandersetzung mit der natürlichen und der politischen Welt schwierig war. 

Die Nachbarschaften ließen den einzelnen nicht.  Die Nachbarschaften  bestimmten das Leben im Dorf. Wehmütig  erinnerte  sich  eine  alte  Landlerin  an  ihre alte Nachbarschaft:  "Jede Straße  hatte eine   Nachbarschaft,    einige   Straßen   hatten   sogar   zwei Nachbarschaften.  Wir  haben unser Haus in den  siebziger  Jahren gebaut.  Für  die  Arbeit  haben wir  keinen  Pfennig  ausgegeben.

Anverwandte und Nachbarn haben geholfen,  das Haus zu  bauen.  So haben  wir unser Haus errichtet.  Heute ist das ganze Dorf  hier eine  einzige  Nachbarschaft“.

Die alte Einrichtung der Nachbarschaft ist also am Verschwinden.

Im  Sinne der Nachbarschaft war es auch,  dass  ihre Mitglieder friedlich miteinander auskamen und sich gegenseitig halfen.  Streitereien sollten bestmöglich beigelegt werden.  Dem diente der so genannte "Rechnungstag", an dem man zur

"Rechnung"  kam.  Dazu erzählt Anneliese:  "Im Fasching war  der Rechnungstag,   da   wurde  abgerechnet. Wenn zwei von  der Nachbarschaft  einen  Streit  hatten,  so  mussten sie  sich gegenseitig  um  Verzeihung bitten. Zur Rechnung  gingen  nur  die Männer, angezogen wie in die Kirche - mit Röckl und Stiefl. Die Rechnung hat  um 10 Uhr am Vormittag  angefangen,  beim Altnachbarn (dem Vorstand der Nachbarschaft),  und dauerte ungefähr eine Stunde. Niemand vom Haus durfte

da stören oder das Zimmer betreten, und niemand zu spät kommen.  Jede

Nachbarschaft hatte eine Lade. Wenn der  Altnachbar  die Lade aufgemacht hat,  da  musste  grosse  Ruhe sein."

In einer anderen Predigt , ein Jahr später,  erwähnte der Pfarrer bedauernd,   es  habe sich viel  im  Dorf  geändert  und besonders leid sei ihm um die Nachbarschaften, denn sie bestimmten das Leben im Dorf und der Bauern untereinander.

Der Pfarrer hatte also etwas für mich und meine Gedanken

sehr wichtiges angesprochen:  die alte bäuerliche Kultur war und ist geprägt durch die Gemeinschaft. Der einzelne Bauer wusste, er ist nicht alleine, er kann sich auf seine Nachbarn verlassen, wenn er sie benötigte.

Aber auch für die Geselligkeit im Dorf war die Nachbarschaft bedeutsam. 

Für den jungen Landler oder die junge Landlerin, die bis zu  ihrer Verheiratung einer Bruder- oder einer Schwesterschaft  angehörten (darüber schrieb ich in "Verbannt und vergessen"),  war der Zugang in die Nachbarschaft so etwas wie ein Schritt in die  Welt der   Erwachsenen.  

Heute , viele Jahre nach dem Beginn der Auswanderung der Deutschen erinnert nur mehr wenig an die alten Nachbarschaftsordnungen, wie sie typisch für die bäuerlichen und dörflichen Kulturen sind. Die Nachbarschaft als Symbol bäuerlichen Lebens verschwand allmählich, sie kündete von altem echtem Bauerntum.

 

Särge und Begräbnis

Eine große Bedeutung hat die Nachbarschaft für Landler, wenn jemand aus ihrer Gemeisnchaft starb. Eine alte Landlerin meinte daher  zu mir: „Wir müssen ja  auch  unsere  Toten begraben. Und dies ist Aufgabe der Nachbarschaft. Wir haben Särge hier.  Diese  Särge wurden von dem Geld gemacht,  das  wir  durch Spenden in der Kirche einnehmen. Manche haben ja nicht einmal das

Geld,  um einen Sarg zu kaufen.  Sie brauchen für den Sarg nichts zu  zahlen.  Früher waren es die Nachbarschaften,  die  das  Grab schaufelten  und  sich um dieses kümmerten.  Wir haben  nur  mehr wenige Männer hier und die können auch nicht mehr, weil sie schon alt sind.  Daher sind es heute Rumänen,  die das Grab machen und die  wir  dafür bezahlen.  Den Freidhof selbst halten  wir  Frauen

In Ordnung."

Im  Paragraph  5 der Nachbarschaftsregeln in Großpold wird ausgeführt,  dass zu den wichtigsten Pflichten der  Nachbarn "die gemeinschaftliche Teilnahme und  die  Unterstützung  der   Hinterbliebenen   beim Begräbnis  eines der Ihrigen" gehören.  "Darum wird  festgesetzt, dass  jeder Nachbar und jede Nachbarin dem Leichenbegräbnisse eines der Nachbarschaft angehörigen Mitgliedes entweder persönlich oder durch einen entsprechenden Stellvertreter beiwohne oder aber  der Versäumnisstrafe verfalle“.

Das Begräbnis selbst wird durch die Nachbarn durchgeführt. Der Tote wird drei Tage im Trauerhaus aufgebahrt. Er wird also nicht den Lebenden entzogen, diese mussten sich mit ihm noch beschäftigen. So wird deutlich, dass der Tod zum Leben gehört. Das wird auch den Kindern auf diese Weise bewusst gemacht. 

Stirbt jemand, so sind es die Nachbarn und Patenkinder, die sich um das Grab und die Durchführung des Begräbnisses kümmern.  Als Grabschaufler fungieren also die jungen Männer aus der Nachbarschaft und der Verwandtschaft.

 

Als Totengräber beim Begräbnis des Sam Roth

Im Juni 2005, als ich wiederum in Großpold war, starb ein alter Bauer, Sam Roth hieß er. Nun fehlte es an den jungen Leuten, die für Grab und Begräbnis zuständig sind, denn diese sind ausgewandert und leben irgendwo in Deutschland. So wurden wir gefragt, ob wir nicht beim Grabschaufeln helfen könnten. Mit zwei Studenten, Konrad und Reinhard, ging ich nun daran, die Erde des Grabes im Freidhof, wie man r den Friedhof nennt, auszuheben. Unterstützt wurden wir durch einen jungen Mann aus Berlin, der wegen einer Rauferei als Fußballfan vom Gericht für ein Jahr hierher verbannt worden war. Unter der Anleitung und Mitarbeit von Andreas Sonnleitner, einem Landler, damals um die 64 Jahre alt,  begannen wir zu graben. Mit vier waagrechten Brettern, die sich gegenseitig stützen, wurde das Grab , in dem ein Mitglied der Familie Roth bereits 1917 begraben worden war, abgesichert. Abwechselnd gruben wir. Da ich ausgebildeter Urgeschichtler mit Grabungserfahrung bin, hatte ich keine Probleme beim Graben. Der letzte, der in die Grube stieg, war ich. Das Grab war bereits einen Meter achtzig tief. Eine Leiter wurde in das Grab gestellt, sie gab mir die Sicherheit, wieder herauszukommen. Ich fand noch einen Nagel vom letzten Sarg. Ich hob ihn auf, er ist heute in meiner Vitrine in meiner Wiener Wohnung zu sehen. Auf Geheiß von Andreas Sonnleitner, der selbst nicht in das Grab stieg, weil er an Platzangst leidet, wie er erzählte, glättete ich die Wände und den Boden des Grabes. Als ich dann aus dem Grab steigen wollte, fehlte die Leiter. Mein Student Konrad hatte sie aus Scherz aus dem Grab genommen. Ich bat höflich um die Leiter. Sie wurde wieder in das Grab gestellt, so konnte ich aus dem Grab in das Licht des Friedhofes  steigen. Wir, die Grabmacher, wurden nach alter Tradition zu einer heißen Suppe und einem Schluck Wein in die Friedhofshütte gebeten. Am Nachmittag suchten wir feierlich gekleidet die gute Stube des Bauernhauses der Familie Roth auf. Die Angehörigen saßen um den Sarg. Hinter ihnen nahmen wir, die Sargträger, Platz. Der Kirchenvater erschien und sagte in landlerischem Dialekt : „Grüss enk Gott, wir holen jetzt unsern liaben Bruader Sam zum Freidhof“. Die Angehörigen verließen darauf die Stube. Wir, die Studenten und ich, trugen den Sarg in den Hof, wo schon der Pfarrer und die Sänger warteten. Nach Gebet und Gesang zogen wir zum Friedhof. Ein Wolkenbruch veranlasste uns und die Trauernden kurz unter einem Dach Zuflucht zu suchen. Am Friedhof angelangt, brachten wir den Sarg zum Grab, dabei blieb ich in der durch den Regen aufgeweichten Erde kurz stecken.  Dann war es unsere Aufgabe als Sargträger, den Sarg auf Seilen in das Grab zu lassen. Der Pfarrer wünschte nach einigen Gebeten eine „fröhliche Wiederauferstehung“. Dann ging es zum so genannten „Tränenbrot“ in das Haus der Roths. Die Familie, die Freunde und die Nachbarn, einige waren aus Deutschland gekommen, nahmen nun beim gemeinsamen Mahl, bei dem Hühnersuppe und guter Wein kredenzt wurde, Abschied vom Toten. Die kleine Welt des Dorfes hatte sich verändert. Auch für uns Grabmacher war gedeckt. Wir tranken zur Erinnerungen an den toten Bauern, der allen im Dorf abgehen wird, guten Großpoldner Wein.

Das Ritual am Friedhof ändert sich nun. Heute werden Rumänen gebeten, beim Grabschaufeln zu helfen. Früher wäre dies nicht denkbar gewesen. Das erste Mal wurde im Jahre 2005 am deutschen Freidhof ein Rumäne, der mit einer Sächsin verheiratet war, begraben. Ich war beim Begräbnis anwesend. Der Pfarrer sprach in Deutsch und  Rumänisch. Eine alte Kultur hat sich gewandelt.

 

Der Wandel einer alten Kultur - die Auswanderung

Die alten Landler, die heute noch in Großpold leben, sind traurig darüber, dass ihre Kinder aus Grosspold ausgewandert sind und nun in Deutschland oder Österreich wohnen. Anneliese Pitter versteht auch nicht, dass sehr viele  ihrer Freunde von Grosspold ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben. Sie meinte dazu zu mir: "Eigentlich  fühle  ich  mich verraten von denen,  die weggezogen sind.  Wären sie dageblieben, so  hätten  wir eine schöne Gemeinschaft im  Dorf. Viele haben gesagt,  sie bleiben hier,  sie fahren nicht weg.  Aber sie  sind doch  ausgewandert.  Es war wie eine Pest nach 1989,  immer  mehr wanderten aus“.

Frau Pitter hängt an Großpold, sie liebt diesen kleinen Ort ,in dem einmal Landlerkinder lärmten,  brave  Landlerbauern  ihrer harten Arbeit am Feld nachgingen und Freude an  der Gemeinschaft  herrschte. 

Als ich Anneliese fragte,  ob sie  und ihr  Mann Andreas weiterhin in Großpold  bleiben  wollen,  meint sie: "Das weiß  ich nicht.  Wenn es nach mir ginge,  würde ich nur hier zum Freidhof (Friedhof) ziehen.  Aber ganz alleine können wir auch nicht hier bleiben.  Aber solange noch ein paar Deutsche da sind, bleiben wir auch da."  Merkwürdig ist, darauf kommen Anneliese und ich im Gespräch, dass viele Landler und  Sachsen,  die  von hier weggezogen  sind,  im  Ausland  sich besonders heimatverbunden fühlen,  sie tun gerade so,  als ob sie aus  ihrer Heimat vertrieben worden wären.  Anneliese meinte daher einmal zu mir:

"Es  ist  komisch, dass Leute, die  ausgewandert  sind,  beim Oktoberfest  in München in ihrer Siebenbürger  Tracht  auftreten. Die geben dort mit ihrer Kultur an,  obwohl sie diese schon lange aufgeben haben".

Frau  Pitter  sieht die Widersprüchlichkeit  der  Ausgewanderten, von denen sie sich verraten fühlt. Einerseits wollen sie weg und andererseits gibt es ein Zurücksehnen nach ihrer verlorenen Welt.

Herr Nietsch, den bei ich bei seiner Fahrt mit der Kuh begleitet habe und den ich mit meinen Studenten gerne aufsuchte, erzählte uns bei gutem Wein viel aus seinem Leben.  Herr Nietsch antwortete einmal auf  meine  Frage über die Weggezogenen mit Trauer in der Stimme :"Es kommt keiner mehr zurück." Ihm, der auch schon am Großpolder Freidhof liegt.  selbst gefiel es jedoch hier in  Großpold,  er liebte die alte bäuerliche Kultur.  Auf Landlerisch sagte er  dies: "Mir gfallts hier".   Er hob sein Weinglas und sagte:  "Es ist schade,  daß  die  Jungen weg sind. Sie sind nach Deutschland gegangen". In  diesen  Worten zeigt sich das große Problem,  das  für  große Teile Osteuropas typisch zu sein scheint, nämlich dass die jungen Leute ihrer Heimat fliehen und in die reichen Ländern des Westens auswandern.  Ich freue mich,  dass es  noch Leute wie Herrn Nietsch und Frau  Pitter,  die  liebenswürdige Anneliese,  gibt. Sie sind die letzten Träger einer alten Bauernkultur. Die Trauer von Frau Pitter und Herr Nietsch über die Ausgewanderten ist jedoch mit Humor  gepaart. Einen solchen besitzt Herr Nietsch,  überhaupt als er mir zurief:  "Ja,  der Herr Professor, ich hole gleich einen Wein aus dem Keller, den müssen Sie trinken!" Im Sinne alter Höflichkeitsrituale  ließ ich mir ein Glas einschenken und leerte es auf das Wohlsein der letzten deutschen Bauern hier in Grosspold. 

 

Im Altersheim in Hermannstadt – die Taschenuhr des Herrn Piringer

Die alten Großpoldner, die es  körperlich nicht mehr schaffen, ihren Hof zu bewirtschaften, finden Aufnahme in einem modernen Altenheim in Hermannstadt, einer deutschen  Stiftung,  der so genannten  Dr. Wolff-Stiftung. In diesem schönen Heim sprach ich oft mit meinen alten Freunden Herrn und Frau Piringer, früheren Kleinbauern in Grosspold. Manchmal spielte ich mit Herrn Piringer Schach. Aus Freundschaft schenkte er mir seine silberne Taschenuhr, die er 1944 beim Rückzug der Deutschen Wehrmacht, in der er dienen musste, vom Regimentskommandanten erhalten hat, weil er bei der Kesselschlacht von Tscherkassy jungen Burschen das Leben gerettet hat. Diese Uhr halte ich in Ehren. Die Piringers erzählten mir viel  über ihr früheres Leben, ihren Garten und auch über die Ausgewanderten. Gerne saß ich in ihrem Garten und trank mit Herrn Piringer ein Glas Wein. Sie sind kurz hintereinander gestorben. Ich halte ihr Andenken hoch.

Als ich mit den Piringers einmal im Garten des Altersheimes saß, kam ich auch mit einem Sachsen in Kontakt,  dem man einen natürlichen Adel in Haltung und Sprache anmerkte.  Auch er sprach sinngemäß   vom Verrat der Ausgewanderten,  die eine  alte deutsche  Bauernkultur  im  Stich gelassen hatten. Aber er versucht,  sie zu verstehen, denn es ist schwer geworden für  die  Deutschen hier in Siebenbürgen, sie fühlen sich alleine gelassen.  Dennoch meint er über die ausgewanderten jungen Deutschen : „Das  Verhalten  der Jungen steht im  Widerspruch  zu  unseren  alten Liedern,  in denen wir uns mit Stolz zu unserer Heimat hier  in Siebenbürgen bekannt haben." Darauf sang er mir ein Lied  vor, in dem  auf  die  alte  freie bäuerliche  Tradition  der   Sachsen  hingewiesen  wird:

"Ich  bin  ein  Sachs,  ich  sags  mit  Stolz,  vom  alten  edlen

Sachsenstamm! Wo gibts ein adliger (!) Geschlecht,

da keiner Herr und keiner Knecht ?

……

Ich  bin  ein  Sachs,   ich  sags  mit  Stolz,  vom  alten  edlen

Sachsenstamm! Wir harren aus in böser Zeit,

nicht ewig währt der harte Streit;

wir sind getrost, Gott steht uns bei!

Mein Sachsenvolk, dir bleib ich treu."

Dieses Lied verweist auf eine alte freie Bauernkultur in Siebenbürgen , zu der wesentlich, wie ich oben ausgeführt habe, das Prinzip der Nachbarschaft gehörte.

Die alte deutsche Bauernkultur in Siebenbürgen hat den Kommunismus überstanden, aber der Abwanderung der Jungen und dem Ansturm der EU kann sie nichts entgegenhalten.

Es war eine schöne Welt der Kleinbauern, die in einer modernen Welt keinen Platz mehr hat, die ich noch erleben durfte. Diese alte Bauernkultur in Rumänien ist am Untergehen. Es schaut so aus, als ob mit dem angeblichen Segen der EU nun doch das vollendet wird, was Nicolae Ceausescu wollte, nämlich die Abschaffung des Kleinbauern in Rumänien unter dem Banner des Fortschritts.

Die bäuerliche Kultur der  Landler und Sachsen mit ihren Nachbarschaften und ihren alten Symbolen und Bräuchen ist verschwunden.  An das Leben in Großpold erinnert mich noch die alte Taschenuhr, die mir Herr Piringer geschenkt hat und die einen Ehrenplatz in meiner Vitrine hat. 

 

 

 

Literatur:

Roland Girtler, Verbannt und vergessen. Eine untergehende deutschsprachige Kultur   

         in Rumänien, Linz 1992  (Wiederaufgelegt unter dem Titel:  Die Landler in       

         Rumänien, 2014 -.Lit-Verlag)

Roland Girtler (Hg. mit Studentinnen und Studenten), Die Letzten der Verbannten.      

         Wien 1997

Roland Girtler, Echte Bauern, vom Zauber einer alten Kultur, Wien 2002

Roland  Girtler (Hg. mit Studentinnen und Studenten)  Das letzte Lied von Hermannstadt – Das Verklingen einer deutschen Bauernkultur, Wien 2008